palatia jazz - das kulinarische Jazzfestival an historischen Spielorten der Pfalz
      

Zurück zum Blues in den heißesten Graden

Die Saxophonisten David Sanborn und Jan Garbarek mit ihren Ensembles bei Palatia Jazz in der Klosterruine Limburg

DIE RHEINPFALZ, den 28. Juli 2010


Steve Gadd
Zwei der herausragenden und populärsten Saxophonisten dieser Tage gaben sich mit ihren Bands am Wochenende ein Stelldichein bei Palatia Jazz in der Klosterruine Limburg in Bad Dürkheim: David Sanborn und Jan Garbarek. Eine große Publikumsbegeisterung war beiden Jazzmusikern gewiss.

David Sanborn ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, und das ist gut so. Nach langen Ausflügen in die Popwelt und in den Jazz ist der amerikanische Altsaxophonist wieder dort gelandet, wo er einst begonnen hat: beim Blues und Rythm "n" Blues. In Joey DeFrancesco an der Hammond-Orgel sowie dem Drummer Steve Gadd hatte David Sanborn zwei exzellente Begleiter, die sich dem Blues gleichfalls mit Leib und Seele verschrieben haben. „Only Everything" heißt David Sanborns neues Album, und es ist schon seine zweite Hommage an Ray Charles. Auf dem Album sind alte Bluesklassiker, die der schwarze Soulsänger bekannt gemacht hat. Und David Sanborn spielte sie nun mit seinem Trio so, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, als Blues und Soul gespielt.

Die Hammond-Orgel ist eine gute Grundlage für solche Musik. Joey DeFrancesco, der auch sang, ließ sein Instrument schwitzen und dampfen und klangsatt brodeln, um im nächsten Augenblick wieder entspannt und mit wenigen Noten die Herztöne des Blues sprechen zu lassen. Große Beredsamkeit brachte der Organist immer in sein Spiel, und Steve Gadd schürte solche Eloquenz gleichfalls auf seine eigene Weise am Drumset, unaufdringlich und oft mit den Besen, dann wieder vital treibend.

Nach seinen jahrzehntelangen Ausflügen in die Pop-Welt wäre David Sanborn ein so starkes Bluesgefühl fast gar nicht mehr zuzutrauen gewesen. Hochintensiv blies er seine Phrasen aus dem Altsaxophon, in hoher Lage vorzugsweise, wo es besonders unter die Haut geht. Dabei entwickelte er einen scharfen und siedendheißen Klang, bog die Töne und zog sie mit Inbrunst hinauf in die Höhe, ließ sie flehen und schreien oder jubeln. Scharf gleißende Endlosströme flackerten ihm aus dem Horn und fein durchwirbelte Läufe. Und die hatten immerzu den Blues in den heißesten Graden.

In Jan Garbareks Musik sind die Grenzen zwischen Folk und Jazz, Klassik und Rock immer fließend. Häufige musikalische Szenenwechsel bestimmten seinen Auftritt auf der Limburg. Da ging es bruchlos von den schottischen Highlands in spanische Gefilde und von dort in mystische norwegische Fjordlandschaften. Klangintensiv sind solche Ausflüge. Sie überformen Ursprünglichkeit aus aller Welt mit atmosphärischen Soundelegien.

Folkloristische Rudimente verfangen sich immer wieder im Spiel Jan Garbareks auf dem Sopransaxophon, in den angeschliffenen Tönen und ornamentreichen Melodien. Eine große Reinheit zeichnet das Spiel des Norwegers aus, eine Luzidität des Tons, welche die klare Luft des Nordens einzufangen scheint. Atmosphärisch inspiriert sind die Klänge, die der Saxophonist zusammen mit seinen Mitstreitern entwickelt, durchweg. Es sind Klänge wie zu einem imaginären Film, insbesondere dann, wenn der Keyboarder Rainer Brüninghaus in die Tasten greift und irreal verhangene Melodien zwischen Traum und Alptraum, naivem Kinderlied, kraftvoll aufgerüttelter Virtuosität und schleichender Dissonanz schlingern lässt.

Ein großer Zugewinn für die Band ist der brasilianische E-Bassist Yuri Daniel. Er brachte sehr viel Grooviges und Rockiges, sehr viel Virtuosität ins Klanggeschehen. Große Wandlungsfähigkeit, was Klang und Material betrifft, zeichnet das Spiel aller Ensemblemitglieder aus. Gutklingende Farben wusste der indische Meistertrommler Trilok Gurtu mit komplexen Rhythmen zu kombinieren. In seinem großen Solo gegen Ende des Konzerts zeigte er dies an den Tablas ebenso wie am Drumset, entlockte seinem reichen Instrumentarium Magie und beschwörende Kraft.

Von Rainer Köhl

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Ludwigshafener Rundschau
Ausgabe: Nr.172
Datum: Mittwoch, den 28. Juli 2010
Seite: Nr.18

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