Alles wandelt sich, alles fließt
Die Jan Garbarek Group wechselt bei ihrem Auftritt auf der Klosterruine Limburg stetig die geographischen Ursprünge ihrer Musik
DIE RHEINPFALZ, den 26. Juli 2010 Jan Garbarek
Bad Dürkheim. Melodische Einflüsse rund um den Globus dominierten einmal mehr den Auftritt der Jan Garbarek Group bei „ Palatia- Jazz" auf der Limburg. In der Musik des Norwegers sind die Grenzen zwischen Folk und Jazz, Klassik und Rock immer fließend. „Ich suche nicht nach Disziplinen oder Stilen, sondern nach Persönlichkeiten in der Musik", sagte Jan Garbarek kürzlich im Interview. Solche Persönlichkeiten fand er mal in indischen, in arabischen oder georgischen Musikern, oder in dem Hilliard-Ensemble, mit denen er gemeinsame Projekte entwickelte. Von all diesen künstlerischen Begegnungen hat der norwegische Saxophonist spirituelle Erfahrungen und Einflüsse erhalten, die seine Musik prägen. Und in diesem Klangkreis ist die Welt sehr rund. Häufige musikalische Szenenwechsel bestimmten seinen Auftritt. Da ging es bruchlos von den schottischen Highlands in spanische Gefilde und von dort in mystische norwegische Fjordlandschaften. Klangintensiv sind solche Ausflüge, überformen Ursprünglichkeit aus aller Welt mit atmosphärischen Sound-Elegien. Alles ist im Wandel, alles in stetem Fließen. Rockiges geht in Lyrisches über, Elegisches fließt ins Heitere, harmonisches Dunkel wendet sich ins Lichte. Folkloristische Rudimente verfangen sich immer wieder in das Spiel Garbareks am Sopransaxophon, in den angeschliffenen Tönen und ornamentreichen Melodien. Eine große Reinheit zeichnet das Spiel des Norwegers aus, eine Luzidität des Tons, welche die klare Luft des Nordens einzufangen scheint. Atmosphärisch inspiriert sind die Klänge, die der norwegische Saxophonist zusammen mit seinen Mitstreitern entwickelt, durchweg. Das sind Klänge wie zu einem imaginären Film, insbesondere dann, wenn der Keyboarder Rainer Brüninghaus in die Tasten greift und irreal verhangene Melodien, zwischen Traum und Alptraum, naivem Kinderlied, kraftvoll aufgerüttelter Virtuosität und schleichender Dissonanz schlingern lässt. Das halbe Klavieruniversum durchmisst er dabei, von Stridepiano und Boogie bis klassischer Klavierromantik. Ein großer Zugewinn für die Band ist der brasilianische E-Bassist Yuri Daniel. Wenn er seine Töne bauchig sonor heranschweben lässt, dann erinnert er noch an seinen Vorgänger Eberhard Weber, sonst aber bringt er sehr viel Neues mit ins Spiel. Sehr viel Grooviges und Rockiges, sehr viel Virtuosität auch. Und auch klanglich Experimentelles, das er mit elektronischen Effekten erreicht. Große Wandlungsfähigkeit von Klang und Material zeichnet das Spiel aller Mitglieder aus. In den entspannten Passagen wurde jeder Ton mit großer Bedachtsamkeit gesetzt. Daneben war viel Raum für Spielerisches, heiter Verspieltes. Frei Improvisiertes steht neben kunstvoll Arrangiertem. Gut klingende Farben wusste der indische Meistertrommler Trilok Gurtu mit komplexen Rhythmen zu kombinieren. In seinem großen Solo gegen Ende des Konzerts zeigte er dies an den Tablas ebenso wie am Schlagzeug, entlockte seinem reichen Instrumentarium Magie und beschwörende Kraft. Nach seinem furiosen vokalen Solo indischer Trommelsprache ging Gurtu noch ein fesselndes Duett mit Garbarek ein, der dazu die Hirtenflöte zur Hand nahm: call-and-response-Dialoge zwischen Trommel und Flöte, ebenso erregend wie kunstvoll. Klänge von großer Universalität entwickelten die vier Spitzenmusiker: Eine Musik, die singt, pulsiert und tanzt. Ein zweistündiges Set prallgefüllt mit großer Musik: die Fans auf der ausverkauften Limburg waren begeistert. Von Rainer Köhl Quelle: Verlag: DIE RHEINPFALZ Publikation: Bad Dürkheimer Zeitung Ausgabe: Nr.170 Datum: Montag, den 26. Juli 2010 Seite: Nr.21 |
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